Dauerläufer Fredy Oppotsch hört mit 55 Jahren auf

Viele Fußballer hängen ihre Schuhe oft mit großem Tamtam an den berühmten Nagel. Ganz anders Manfred "Fredy" Oppotsch vom SVE Heessen. Dabei hätte er allen Grund gehabt, seinen letzten Einsatz im Seniorenbereich mit einer großen Party zu feiern.

Hamm - Denn wer mit 55 Jahren immer noch aktiv Woche für Woche am Meisterschaftsbetrieb teilnimmt und stets für den gleichen Verein aufgelaufen ist, der hat definitiv Beeindruckendes erreicht. "Das war schon hammerhart, als ich am Sonntag das letzte Mal zum Einsatz gekommen bin", sagt Oppotsch voller Wehmut und mit leicht stockender Stimme.

Dabei hätte er eigentlich gar nicht spielen können. Denn er war beruflich eingespannt und hatte seinem Trainer Michael Schulte im Vorfeld für die Partie beim TuS Germania Lohauserholz VI abgesagt. Das Heimspiel am Pfingstmontag gegen VfK Nordbögge III war allerdings zuvor ausgefallen, da die Göste keine Mannschaft zusammenbekommen hatten. Oppotsch hatte also Sorge, gar nicht mehr auflaufen zu können. Die Partie gegen Lohauserholz wurde aber von 13 auf 15 Uhr verlegt - und Oppotsch konnte mit seinem Arbeitgeber klären, doch noch einmal auf dem Platz stehen zu können. Bereits vor dem Spiel kam SVE-Geschäftsführer Bodo Brinkkötter in die Heessener Kabine und überreichte Oppotsch einen Blumenstrauß In der Partie selbst war er bis zur 61. Spielminute auf dem Feld - und das sogar als Kapitän seines Teams - ehe er unter dem Applaus seiner Kollegen ausgewechselt wurde.

 

Unter Aufsicht der Polizei

Das war ein tolles Erlebnis" sagte er, hatte allerdings das Pech, dass ausgerechnet seine letzte Partie aufgrund der hitzigen Atmosphäre auf dem Platz unter Aufsicht der von den Heessenern herbeigerufenen Polizei beendet werden musste. "Das war sehr schade, dass der Gegner keinen Respekt gezeigt und sich so benommen hat" Im Alter von sieben Jahren war Oppotsch dem SCE beigetreten und hatte in der damaligen Knabenmannschaft seine ersten fußballerischen Erfahrungen gesammelt. "Ich habe da alle Jugendteams durchlaufen", sagt Oppotsch und erinnert sich vor allem an seinen Trainer aus der B-Jugend. Der hieß Horst Rietmeyer. Und weil ich damals so ein kleiner Pimpf war, hat der mir beim Training immer eine Bleiweste verpasst und mich damit Runden laufen lassen. Er meinte, ich müsse härter werden. "Erst die letzten zehn Minuten durfte ich dann beim Trainingsspiel mitmachen", sagt er und fügt mit einem verschmitzten Lächeln hinzu: "Dadurch habe ich aber meine Kondition bekommen und habe das Laufen gelernt, von dem ich bis zum Schluss profitiert habe" Über die A-Junioren unter der Regie von Coach Horst Messner wechselte Oppotsch dann in den Seniorenbereich, wo er anfangs überhaupt nicht zum Einsatz kam. Auf einen Platz im Team der Ersten, die damals in den 80er Jahren ihre Glanzzeit hatte und an der Tür zur 2. Bundesliga anklopfte, hatte er keine Chance. Und selbst bei der Zweiten, die in der Landesliga spielte, hockte er zuerst nur auf der Reservebank. "Das war das erste und einzige Mal, dass ich an einen Vereinswechsel gedacht habe. Der SV Hilbeck hatte damals Interesse" berichtet das SCE-Urgestein. Doch als sich dann Mannschaftskapitän Werner Gudrian bei Trainer Charly Kaufmann für Oppotsch stark machte, wurde er schnell zum unverzichtbaren Stammspieler - zuerst in der Reserve, später dann, als aufgrund der finanziellen Probleme das Oberliga-Team nach unten durchgereicht wurde, auch in der Ersten.

Die schönste Zeit

Und da hatte er dann nach eigener Aussage unter der Regie von Trainer Eddy Chart seine schönste Zeit. "Eddy war der beste Trainer, unter dem ich je gespielt habe. Wir sind noch jetzt richtig gut befreundet" Mit 34 Jahren beendete er das Kapitel "erste Mannschaft" und schnürte in der SCE-Reserve seine Schuhe. Und auch dort ließ der Erfolg nicht lange auf sich warten. Mit Coach Muris Mujkanovic stieg er aus der Kreisliga B in die A auf, ehe er anschließend Spielertrainer der Dritten wurde - wobei er auch immer wieder in der Zweiten aushalf, wenn dort Not am Mann war. Aber nach einem Jahr habe ich gesagt, dass das so nicht weiter gehen kann, erklärt er. "Wir brauchten einen eigenen Trainer für die Dritte" Und als der viel zu früh verstorbene Klaus Schwarzer dieses Amt übernahm, beschränkte sich Oppotsch wieder nur auf seine Rolle als Spieler. Und diese übte er bis zum vergangene Sonntag an jedem Wochenende für den SCE aus: "Bis vor drei Jahren habe ich sogar hin und wieder in der Zweiten geholfen" Seine Aufgabe war dabei immer die gleiche: Oppotsch, der während seine Karriere bis auf einen Meniskusriss nie ernsthaft verletzt war, war weder ein Torjäger noch ein Spielgestalter, aber aufgrund seiner Laufstärke musste er als "Sechser" jedes Mal den gegnerischen Regisseur ausschalten. Egal, wer die Tore schießt. Hauptsache wir gewinnen. Und ich rette lieber auf der Linie, als dass ich selbst vorne treffe. Sicherlich ist inzwischen die Spritzigkeit ein bisschen verloren gegangen. "Aber Kondition habe ich bis heute, das war immer mein Vorteil", sagt der Heessener, der zwar nicht mehr im Seniorenbereich am Meisterschaftsbetrieb teilnehmen wird, dennoch weiter für den SCE auflaufen will. "Ich trainiere auch in der neuen Saison bei der Dritten, werde dann aber bei den Alten Herren, der Ü40 und Ü50 spielen", sagt er und fügt hinzu: "Fußball ist mein Ein und Alles. Ein Aufhören kann ich mir gar nicht vorstellen"b>

 Auf Kosten der Familie

Allerdings ging seine große Leidenschaft auf Kosten seiner Familie, das hat Oppotsch, der seit 1980 als Schwimmmeister bei den Stadtwerken Hamm angestellt ist, mittlerweile eingesehen. "Ich habe mir ja sogar extra in der Vorbereitung frei genommen, um jeden Tag am Training teilnehmen zu können. Da habe ich meine Familie leider schon für den Fußball vernachlässigt", gibt er zu, meint aber auch: "Fußball ist wie eine Droge für mich und war immer der Ausgleich zum Job." Und daher möchte er keine Minute missen, die er seit seinem siebten Lebensjahr im Marienstadion zuerst beim SCE, später dann beim SVE Heessen verbracht hat. "Ich habe mit dem Verein viele Höhen und Tiefen erlebt. Aber der Klub ist wie eine Familie für mich", sagt Oppotsch, der als Spieler, Trainer und sogar als Platzordner für die Eintracht im Einsatz war. Unvergessen ist ihm dabei der 4:3-Sieg seiner Heessener nach einem 1:3-Rückstand über die Hammer SpVg vor 7500 Zuschauern im Marienstadion in der Saison 1981/82. "Da war ich als Ordner dabei. Das war ein wunderbares Spiel, das ich damals hautnah miterleben durfte. Das war bombig", sagt Oppotsch, für den trotz aller Rivalität immer der Fairplay-Gedanke an erster Stelle stand: "Klar foult und grätscht man. Und man meckert sich auch mal an. Aber nach dem Spiel muss man das vergessen haben und sich die Hand geben. Ich habe nie Theater gemacht." Daher macht er auch kein Theater um seinen letzten Einsatz im Seniorenbereich - wenn es denn tatsächlich der letzte war. Sollte in der kommenden Serie in der Dritten akute Personalnot herrschen, wird Dauerläufer Oppotsch wohl nur schwer Nein sagen können, denn: "Solange ich Fußball spielen kann, werde ich spielen"

Quelle  Westfälischer Anzeiger